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Heilkraft der Muskeln

Von FOCUS-Redakteur Robert Thielicke

Muskeln besitzen einen ungeahnten Einfluss: Sie verjüngen, regen den Fett-
abbau an und beeinflussen das Immunsystem. Wer sie kräftigt, steigert sogar seine geistigen Fähigkeiten

Willkommen in den Folterkammern der Forschung. Bengt Saltin streckt die Hand aus und bedeutet dem Besucher, rasch zu folgen. Schnellen Schritts führt der Mediziner durch sein Kabinett. Es gibt schließlich viel zu sehen.

In den Labors seines Kopenhagener Muskelforschungszentrums sitzen Probanden auf stabilen Stahlkonstruktionen, Kanülen stecken im Oberschenkel, Katheter in der Halsvene, dünne Schläuche durchziehen die Schultermuskulatur. Die Versuchspersonen kämpfen gegen Gewichte oder fahren Rad. Ärzte entnehmen währenddessen Blut oder Gewebsflüssigkeit. Sie stanzen etwa fünf Millimeter große Stücke aus dem Gewebe von Patienten und Spitzensportlern.

Ein Kühlschrank mit minus 80 Grad Celsius im Inneren beherbergt mehrere tausend Muskelproben, darunter auch Fasern kenianischer Olympiasieger, Gewebe von Bergsteigern vom Basislager am Mount Everest und „beinahe jedes Ausnahmelangläufers in Skandinavien“, meint Saltin. Taut er die Proben auf, lassen sie sich zu Kontraktionen anregen und untersuchen, „als würde man einen Teil des Athleten zum Leben erwecken“. Manchmal testet der Mediziner sogar Wirkstoffe an Freiwilligen, die zuvor nur Tieren verabreicht wurden. „Dann benutzen wir Räume direkt gegenüber der Intensivstation, falls etwas schief-
geht.“ Dass bis jetzt nichts Schwerwiegendes passiert ist, scheint selbst ihn zu überraschen. „Forscher aus anderen Ländern wundern sich, dass wir derartige Menschenversuche tatsächlich machen können.“

So rabiat die Methoden anmuten, so grundlegend haben sie das Verständnis über die Muskulatur verändert. Unter dem Einfluss des mittlerweile 72-Jährigen hat sich das Kopenhagener Forschungszentrum zu einer der europaweit führenden Institutionen entwickelt. Gut 50 Forscher erkunden an neun Instituten die Geheimnisse der Muskulatur. Aus der dänischen Hauptstadt stammt die Erkenntnis, dass Muskeln chemische Signale freisetzen, die Fettdepots auflösen, das Immunsystem beeinflussen oder Diabetes verhindern können – und nach neuesten Ergebnissen sogar auf das Gehirn einwirken. „Diese Botenstoffe sind der Grund dafür, dass Bewegung bei vielen Krankheiten hilft“, glaubt Bente Klarlund Pedersen, Medizinerin in Saltins Forschungszentrum und maßgeblich an der Entschlüsselung der Signale beteiligt. Die 51-Jährige schätzt, dass Muskeln insgesamt 50 verschiedene Substanzen ausschütten, die den Stoffwechsel umkrempeln und auf Trab bringen.

Eine Renaissance des Gewichtetrainings steht an. Über Jahrzehnte hinweg galt das Organ unter Medizinern und Sportwissenschaftlern lediglich als ausführender Motor. Muskeln halten den Körper aufrecht und tragen die Einkäufe in den vierten Stock. Sie stabilisieren die Gelenke und beugen Knieschäden, Rückenschmerzen oder Schulterproblemen vor. Mehr jedoch gestand ihnen niemand zu. Nur Spitzensportler und Machos brauchten durchtrainierte Muskeln. Krafttraining war bestenfalls etwas für Kraftprotze – und schlimmstenfalls gefährlich. „Hätte ich Herzkranke vor zehn Jahren Gewichte heben lassen, man hätte mich gesteinigt“, berichtet Jürgen Steinacker, Leiter der Sektion Sport- und Rehabilitationsmedizin am Universitätsklinikum Ulm. „Heute dagegen wissen wir, dass viele der positiven Effekte des Sports auf die Muskulatur zurückgehen.“

Inzwischen ist bekannt, dass Erwachsene ab 30 alle zehn Jahre im Schnitt drei Kilogramm Muskelmasse verlieren. Kenneth Walsh von der US-amerikanischen Boston University sieht darin einen Hauptgrund für Übergewicht in mittleren Jahren. „Muskelfasern verbrauchen viel Energie“, meint der Stoffwechselforscher. „Wer sie trainiert, hat 24 Stunden am Tag einen höheren Energieumsatz.“ ... weiter

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Körperlicher Müßiggang ist nicht vorgesehen, bringt den Stoffwechsel des Gehirns ins Stocken und begünstigt den Ausbruch von Krankheiten.

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